Heizen - Holz, Kohle, Öl und Gas, das war's

Die Kamine - der beständigste Teil beim Thema Heizen

Das Gebäude verfügt über zwei einzügige Kamine, die für alle im Haus vorhandenen Heizquellen benutzt wurden. Einer der beiden Kamine wird bis heute für die zentrale Gasheizung verwendet.

Holz und Kohle... gewiss

Rechnung der Firma Philipp und Johann Reißler, "Lager in allen Sorten Ruhrförder- und Ruhrnußkohlen, Zechenkoks, 1. Qualität Anthracitkohlen sowie Union- und Eiform-Brikets, Bensheim" an Joseph Stoll, Darmstädter Straße 50, Bensheim, über die Lieferung von 3 Zentner Brikets, 3 Zentner Braunkohlen und 3 Zentner Koks vom 1. September 1922.
Abb. 1: Rechnung über Holz,
Braunkohle und Briketts 1922.
Die Ausgangsbasis, um die Räume zu beheizen bzw. den Küchenherd im nordwestlich gelegenen Kellerraum zu betreiben, war Holz und Kohle. Das Holz wurde vermutlich im Küchenbereich verstärkt eingesetzt, wohingegen die Kohle die Öfen der einzelnen Zimmer befeuerte. Hierbei kamen Briketts für die nächtliche, lang andauernde Erwärmung der Öfen bzw. Räume zum Einsatz, Kohle zum schnellen Anheizen.

Bis 1918 liegen keine Unterlagen vor, die auf den Gebrauch von Gas im Haus hinweisen. So sind in einem Mietvertrag vom 16. Februar 1918  sämtliche Bezüge zu bestehenden Gasleitungen im Vordruck ausgestrichen. Allerdings wird in der Rechnung der Elektroinstallation von 1917 eine Durchführung für einen Gasanschluss erwähnt, welcher für den Küchenofen im Erdgeschoss vorgesehen sein könnte.

Gas als Option... aber erst sehr viel später

Die Verwendung von Gas im Anwesen Darmstädter Straße 50 vor 1978 als Leucht- bzw. Heizmittel kann ausgeschlossen werden, zeigt doch eine Rechnung über drei Zentner Briketts, drei Zentner Braunkohlen und drei Zentner Koks vom 1. September 1922 im Gesamtwert von 1195,50 Mark die im Haus eingesetzten Brennstoffe. 

Werbung des Gaswerks Bensheim (GGEW) für die Verwendung von Gas (Gruppengas) im Haushalt. Werbung auf Seite 2 der Informationsbroschüre anlässlich der Bensheimer Werbewoche 1927.
Abb. 2: Werbung 1927.
Dass die Verwendung von Gas in Bensheim bis in die 1920er Jahre zwar möglich gewesen wäre aber immer noch eine Neuerung oder vielmehr eine Seltenheit darstellte, zeigt auch die massive Werbung, die selbst noch im Jahre 1927 im Rahmen der Bensheimer Werbewoche für Gasöfen und die generelle Verwendung von Gas gemacht wird. In der Broschüre lassen sich insgesamt 5 Stände finden an denen Herde ausgestellt werden, wobei nur 2 Stände explizit Gasöfen namentlich erwähnen und zur Schau stellen. Beides Stände der Gas- und Elektrizitätswerke Bensheim, die ausschließlich die Vorzüge des neuen Brennstoffs durch die Präsentation von Gasherden und Gasschmiedebefeuerungen bewerben. Es wird die die Verfügbarkeit im gesamten Stadtgebiet und in jedem „Häuschen“ als Energiequelle für „Kochen, Braten, Backen, Heizen, Baden und Bügeln“ beworben, wobei nicht klar ist, inwiefern das Gasnetz in der Realität dem Werbeversprechen entsprach.
 

Exkurs - Gruppengas... Was ist das? 

Auch wenn die Straßenbeleuchtung Bensheim mit Gas betrieben wurde und so die Möglichkeit eines Gasanschlusses für die Häuser bestanden hätte, zogen die Besitzer der Darmstädter Straße 50 diese Energiequelle anscheinend nicht in Erwägung. Ohnehin war die Produktion von Gas damals aufwendig, denn es musste entweder vor Ort hergestellt werden oder über ein noch dürftig ausgebautes Gasnetz aus großen Industriestandorten herangeführt werden. Während man heute auf Erdgas zurückgreift, wurde damals Steinkohle erhitzt und die dabei entstandenen Gase aufgefangen und in das lokale Gasnetz eingespeist. Dies war aber nur möglich, wenn ein Ort - wie Bensheim - mit Steinkohle beliefert werden konnte. Das Gaswerk Bensheim lag daher auch auf der Westseite der Eisenbahnlinie und konnte von dort mit Kohle versorgt werden. Daraus ließ sich nun Strom und Gas gewinnen und in Gasometern - überirdischen Gasbehältern - das Gas lagern und in das städtische Netz gelangen. Die Nähe des Gaswerkes zum Wasserwerk ermöglichte auch den Einsatz der Energiequelle für die Pumpenanlagen der Bensheimer Wasserversorgung.

Am Anfang war es kalt... Ausbau der Öfen im Haus

Während die Anzahl der Öfen im Haus zu Beginn bescheiden war und manche Räume - die Schlafzimmer - nicht geheizt wurden bzw. etliche Räume über offenstehende Zimmertüren mit geheizt werden mussten, musste durch die Zwangseinquartierung der Nachkriegszeit ab 1945 ein zusätzlicher Ofen in der ersten Etage verbaut werden.

Es wurde ein weiterer Küchenofen im nordwestlichen Zimmer der ersten Etage eingesetzt, der, zusammen mit einem Wasserboiler für die im selben Raum befindliche Badewanne, an den nördlichen Kamin angeschlossen wurde. Aufgrund der Größe des Herdes ließ sich die nördliche Tür des Treppenhauses nicht mehr in Gänze öffnen, die beiden Kaminrohre der beiden Heizquellen (Küchenofen und Heißwasserboiler) liefen offen an der Wand entlang.

 Ein Kännchen Öl, bitte!

In den 1960er Jahren wurden Teile der Öfen mit Öl beheizt, wobei dies nicht – wie heute üblich – über einen zentralen Tank erfolgte, sondern die einzelnen Öfen mithilfe von Kännchen mit Öl befüllt werden mussten. Mitte der 1970er erfolgte dann die Umrüstung auf Gasöfen.

Im Jahre 2005 wurden die Gasöfen gegen eine Erdgas-Zentralheizung ersetzt. Dieser Schritt erfolgte aufgrund der gestiegenen Ansprüche an Wohn- und Raumkomfort, obwohl die Öfen noch durchaus viele Jahre ihren Dienst zuverlässig verrichtet hätten.


Links und Literaturhinweise

Stein, Thomas (1935): Grundlagen und Kostenaufbau der Gewinnung, Veredlung und des Verbrauches von Kohle, Erdöl, Gas und Elektrizität für Kraftmaschinen, Heizdampfverbraucher und Öfen in Gewerbe Haushalt und Verkehr, Seite 59f.

HEAG Südhessische Energie AG (HSE) (Hrsg.) (2005): Festschrift zum Jubiläum 150 Jahre Gas- und 125 Jahre Wasserversorgung in Darmstadt und Umgebung, Darmstadt.