Dienstag, 21. April 2020

Es werde Licht - Petroleum und Elektrizität

Die Anfänge - Petroleum 
Bis 1917 wurde das Anwesen noch mit Petroleumlampen beleuchtet, entweder als Wandlampen mit Spiegelreflektoren (Abb. 1) oder Petroleumtischlampen, die in regelmäßigen Abständen mithilfe von Petroleumkannen (Abb. 2) befüllt und regelmäßig gereinigt werden mussten. Neben der doch recht kargen Beleuchtung waren es die unangenehmen Begleiterscheinungen in Form von Geruch und Ruß, der die Räume allabendlich füllte. Auch die Handhabung musste geübt sein. Noch heute kann man Petroleumleuchten und die dafür benötigten Lampenöle kaufen, um einen Eindruck der damaligen Verhältnisse zu bekommen.A, B

Abb. 1
Abb. 2

1917 - Kabel, Schalter, Licht... Die Elektrizität erobert Bensheim

Eine der wichtigsten und bahnbrechendsten Neuerungen der damaligen Zeit dürfte die sukzessive Versorgung der Stadt mit Elektrizität gewesen sein. Die Versorgung des Anwesens mit elektrischem Strom, um somit das Wohnhaus mit elektrischem Licht auszurüsten, erfolgte erst im Jahre 1917, also drei Jahre nachdem die „Gaswerk Bensheim AG“ später „Gruppengaswerk Bergstraße AG“ die Konzession für die Versorgung des gesamten Stadtgebietes erhalten hatte.1 Über die am Haus notwendigen Arbeiten zur Elektrifizierung des Anwesens liegen zwei Rechnungen der „Gas- und Elektrizitätswerks-Verwaltung Bensheim“ vor. Die Arbeiten wurden durch die Firma Schambach & Co. aus Bensheim ausgeführt.

Die Einspeisung des Stroms in das Haus erfolgte von außen über einen Dachständer (Abb. 6), der genau auf dem Dachfirst zwischen den beiden Schornsteinen angebracht war. Die im Haus vorgenommenen Installationen lassen sich anhand der Rechnungen und noch existierender Fotografien aus den 1950er und 1960er Jahren teilweise rekonstruieren. Die bekannten Details stimmen mit den zeitgenössischen Darstellungen und Vorschriften für Hausinstallationen überein.2 3

Die erste Rechnung vom 31. März 1917 (Abb. 3 und 3a) listet die Kostenaufstellung für das „Legen der elektr. Zuleitung & Inneninstallation“ im Haupthaus auf. Dabei werden insgesamt nur acht Schalter und auch nur acht Deckenhaken verbaut, was darauf schließen lässt, dass vermutlich nur die fünf Haupträume der unteren Etage nebst Treppenhaus und zwei Räume in der oberen Etage mit elektrischem Licht versorgt wurden. Zu den typischen Installationen in den Räumen (Leitungen, Schalter, Steckdosen und Lampen (Abb. 5))  gehörten auch technische Einrichtungen wie zum Beispiel der Hausanschlusskasten, die Zählertafel und eine Sicherungspatrone.

Abb. 3
Abb. 3a

Die zweite Rechnung vom 1. Februar 1921 (Abb. 4) weist die Kosten für den Anschluss des Nebenbaus aus, da sich sowohl die Zahl der Lampen, der Schalter aber insbesondere die vier in Rechnung gestellten kleinen Isolatoren mit der bei Umbauarbeiten 2004 entfernten Elektroinstallation deckt. Der Strom wurde über zwei Isolatoren unter der Dachtraufe des Wohnhauses an den Nebenbau, der ebenfalls über zwei Isolatoren am Giebel verfügte, abgegeben.


Abb. 4
Abb. 5

Abb. 6Abb. 7

Wie früher üblich wurden die Leitungen auf den bestehenden Verputz gelegt. Bakelitdrehschalter wurden mit Zweileiterkabeln in sogenannten Bergmannrohren bzw. Kuhlorohren verlegt, die dann an den Wänden mithilfe von Krampen befestigt wurden. Die markante Stärke der Leitungen und die meist über dem Putz verlegten Rohre waren der Isolierung geschuldet, die eine der Hauptprobleme darstellte. Es fehlte an flexiblen Materialien, die als Isolator die Litze abschirmen konnten. Während in der ersten Ausbauphase (1917) noch Drehschalter aus Porzellan zum Einsatz kamen, wurde in der Ausbauphase des Nebenbaus (1921) und späteren – leider nicht dokumentierten – Erweiterungen des Hausnetzes Bakelitschalter einegsetzt. (siehe Abb. 8)

Beispiel für elektrische Anlagen in Wohnhäusern und Werkstätten. Quelle: Klement, Wilhelm (1914): Elektrische Installationen in Wohnräumen und Werkstätten, in: Polytechnisches Journal, Band 329, S. 452; http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj329/ar329106
Abb. 8

Die Gesamtkosten der beiden dokumentierten Ausbauphasen beliefen sich auf insgesamt 723,70 Mark. Obwohl die Anzahl der eingesetzten Materialien und der aufgebrachten Arbeitszeit für den ersten Teil der Elektrifizierung um ein Vielfaches höher lag, sind beide Rechnung mit rund 350 Mark gleich hoch. Die gemessen am Aufwand weitaus höhere zweite Rechnung ist vermutlich der steigenden Inflation geschuldet.4
Anhand einer Quittung lässt sich nachweisen, dass auch diese Rechnung in Teilbeträgen bezahlt werden musste und somit eine recht hohe Investition darstellte.5 Um einen Eindruck von den Kosten (Geldwert) zu erhalten, klicken Sie hier.C
Neben den Rechnungen für Installationen liegt auch eine Rechnung vom 15. Oktober 1919 für das „Prüfen der Leitung“ an fünf Brennstellen durch die Gas- und Elektrizitätswerks-Verwaltung Bensheim über 2,50 Mark vor (Abb. 9).6
Die Rechnung ist auf den Hausherrn ausgestellt, der die untere Etage - also nur 5 Räume des Hauses -  bewohnte. Die verbleibenden zwei Räume der oberen Etage, die ebenfalls über elektrisches Licht verfügten, wurden vermutlich den Mietern in Rechnung gestellt, hierüber liegt keine Rechnung vor.

Abb. 9


Nützliche Links

A) Die Geschichte von Öl- und Petroleumlampen (aufbereiteter Wikipediaartikel)
B) Petroleum und Docht - Feuerhand Nier Storm Lantern Dr. Detlef Bunk
C) Geldwert und Kaufkraft - Ein Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg

 

Literaturhinweise

1) Maaß, Reiner und Berg, Manfred (Hrsg.)(2006): Bensheim – Spuren der Geschichte. Edition Diesbach, Weinheim, Seite 166.
2) Klement, Wilhelm (1914): Elektrische Installationen in Wohnräumen und Werkstätten, in: Polytechnisches Journal, Band 329, S. 407–409, S. 451–453 und S. 481–487.
3) Edlmann, Stephanie (2009): Des Kaisers neue Kabel, Historische Elektroinstallationen als denkmalpflegerische Aufgabenstellung, Diplomarbeit TU München, München.
4) https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923 (zuletzt besucht am 21.08.2017)
5) Hemmerich, Jakob (1919): Quittung für Joseph Stoll, 15. August, Bensheim.
6) G.- & E.-Werke Bensheim (1919): Rechnung für Kontrolle der 5 Brennstellen, 15. Oktober, Bensheim.

Verfügbare Dokumente

NLFXS_Haus_19170331 sowie NLFXS_Haus_19170331b
NLFXS_Haus_19191015 sowie NLFXS_Haus_19191015b
NLFXS_Haus_19210201

© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2020, Alle Rechte vorbehalten.

Dienstag, 26. Februar 2019

Bastelbögen für Kartonmodell jetzt online

Im Bereich "Bastelbogen" haben Sie nun die Möglichkeit die zwei Fassadenvarianten des "Haus Stoll" im Maßstab 1:220 zu bauen. Alles, was Sie brauchen sind die PDF-Dateien, 120g bzw. 160g Papier und einen guten Drucker... ein wenig Zeit, ein wenig Geschick und schon können Sie die Modelle auf Ihrer Modelllandschaft oder in der Vitrine platzieren und bewundern. Viel Spaß



Samstag, 16. Februar 2019

Beginn eines neuen Blogs - Bensheimer Häuser

Wenn man heute durch die Straßen Bensheims läuft, dann erstrahlen viele Häuser - alte Häuser - in schönstem Glanz. Frisch restauriert und mit allen Annehmlichkeiten der heutigen Zeit. Aber es war ein langer Weg bis dahin, denn so lange ist es nicht her, dass elektrischer Strom und Gas die Häuser erstrahlen ließen oder diese heizten.

Wie sah es aus mit der Wasserversorgung und der Entsorgung und musste man damals auch schon Gebühren für Straßenreinigung und Müllabfuhr zahlen? Wie heizte man? Ohne Strom kein Licht, oder?

Alle diese Fragen sollen exemplarisch zuerst an zwei Häusern gezeigt werden.